Metaphern erkennen und ihre gedankenleitende Wirkung durchschauen

Was sind Metaphern und wie erkennt man sie?

Definition

Das Wort «Metapher» hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet wörtlich «Übertragung» oder «Transport». In der Metapher wird ein Ausdruck aus dem Sinnbereich, in dem er gewöhnlich gebraucht wird, in einen anderen übertragen. Im Beispiel Verkehrsinsel wird die Insel aus dem Sinnbereich Wasserlandschaft in den Sinnbereich Verkehrsbauten übertragen. Man spricht deshalb von einem «Bildspender», dem Herkunftsbereich der Metapher, und dem «Bildempfänger» oder Zielbereich. Streng genommen drücken Metaphern etwas Absurdes aus, denn Verkehrsinseln sind ja keine wirklichen Inseln (vgl. Strub 1991). Zwischen dem wörtlichen Gebrauch des Ausdrucks (der wirklichen Insel) und dem metaphorischen Gebrauch (der Verkehrsinsel) bestehen aber Ähnlichkeiten (Analogien). So sind beide Inseln nach aussen abgeschlossen und werden von Wasser bzw. dem Verkehrsfluss umspült.

Tote Metaphern

Manche Metaphern haben durch ihren häufigen Gebrauch ihren Übertragungscharakter verloren und werden nicht mehr als Metaphern, sondern als direkte Ausdrücke verstanden. Beispiele: Tischbein, Ohrmuschel, Buchrücken. Solche toten Metaphern finden wir auch in der Sprache über Landschaft in reicher Zahl: Flussarm, Landzunge, Bergkamm, Flussmündung, Seenplatte, Stadtkern, Ortsbild, Siedlungsfläche, Wirtschaftsstandort, naturnah, ökologischer Kreislauf, Nahrungs- und Verkehrsnetz. Kaum jemand denkt bei diesen Wörtern noch an eine Übertragung, etwa beim Ausdruck Flussarm an einen Vergleich mit einem menschlichen Arm. Solche toten Metaphern können aber durch Reflexion als Metaphern «wiederbelebt», als Übertragung bewusst gemacht werden. So stammt etwa der Begriff der Fläche (z.B. Siedlungsfläche) aus der Geometrie, die Leistung (z.B. Landschaftsleistung) aus der Ökonomie etc. Wirklich tot sind Metaphern erst, wenn ihre Herkunftsbereiche nicht mehr erkennbar sind und sprachgeschichtlich rekonstruiert werden müssten. So wurde das Wort Kopf ursprünglich als Bezeichnung für eine gewölbte Schale verwendet, ähnlich wie das engl. Wort cup, das heute noch einen Trinkbecher bezeichnet.

Metapher oder direkter Ausdruck?

Ob ein Wort eine Metapher oder ein direkter, wörtlich gemeinter Ausdruck ist, lässt sich nicht in derselben Weise eindeutig bestimmen wie etwa die Frage nach einem Nomen oder einem Adjektiv. Ein Ausdruck ist nur dann eine Metapher, wenn er in seinem Gebrauchszusammenhang als Übertragung verstanden wird. Die Metapher setzt also das Bewusstsein einer Doppeldeutigkeit voraus. Ein Beispiel: Der Werbeslogan der Schweizer Post «Pakete kommen immer gut an», lässt sich einerseits wörtlich verstehen: Pakete werden verlässlich geliefert. In den Zusammenhang menschlicher Beziehungen gestellt, nimmt der Ausdruck «gut ankommen» aber auch eine metaphorische Bedeutung an: Pakete machen Freude. Die Doppeldeutigkeit macht gerade den Charme des Slogans aus. Auch ein Wort wie Anbaufläche kann sowohl als Metapher als auch als direkter Ausdruck verstanden werden. Wer die Fläche als eine Übertragung aus der Geometrie auffasst, versteht den Ausdruck Anbaufläche metaphorisch.[1]

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache weist das Wort seit dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nach (www.DWDS, 16.3.16).
Im Gebrauchszusammenhang, etwa in der Planung oder Forschung, werden Wörter wie Erholungsfläche, Agrarfläche, Siedlungsfläche kaum mehr als lebendige Metaphern verstanden. Wo sie täglich gebraucht werden, sind sie meist ebenso «tot» wie das Tischbein, der Flaschenhals oder der Flussarm. Dieses ‚Übersehen’ der Metaphern mag daran liegen, dass sich diese in der wissenschaftlichen Sprachgemeinschaften eingebürgert haben und als direkte Begriffe empfunden werden. Auch das Interesse an der geometrischen Quantifizierung der Landschaft in Forschung und Planung mag den Eindruck stärken, dass die benannte Landschaft gleichbedeutend mit einer Fläche ist. Wie man tote Metaphern erkennen kann und welchen Wert das Bewusstmachen toter Metaphern hat, behandeln wir im Abschnitt 2.

Metaphern füllen Wortschatzlücken und rücken Bekanntes in neues Licht

Warum gibt es überhaupt Metaphern? Metaphern finden sich oft, wo ein wörtlicher Ausdruck fehlt (sog. Katachresen). Beispiele sind technische Neuerungen, für die eine Benennung fehlt: Bildschirm, Computermaus, Windparks oder die Folientunnel der Landwirtschaft (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Folientunnel

Metaphern können aber auch bereits Bekanntes auf neue Art beleuchten. Wörter wie Agrarraum und Erholungsfläche zeigen eine Landschaft, die zuvor etwa als Acker oder Wiese bekannt war, in einem neuen Licht und deuten sie um. Eine solche metaphorische Wortschöpfung ist z.B. auch die Landschaftsdienstleistung, die der Landschaft ein Dienen und ein Leisten unterstellt. Die Beispiele zeigen: Metaphern wirken auch als Erkenntnismittel. Sie verhelfen uns dazu, neu entstandene Phänomene sprachlich zu fassen oder bereits bekannte gedanklich neu auszurichten. Vertiefung: Metaphern als Brücken zwischen Alltags- und Fachwissen

Arten von Metaphern

Metaphern treten in unterschiedlicher sprachlicher Gestalt auf. Hier einige davon:

  1. als Nomen (Genitivmetapher/Nominalmetapher bzw. Kompositionsmetapher)

    der Kamm des Berges, am Fuss des Berges, die Schulter des Berges. Variation dieses Typs: Bergkamm, Landzunge, Erholungsfläche. Ein wörtlich gemeinter Wortteil wird mit einem metaphorisch gemeinten kombiniert, woraus eine metaphorische Gesamtbedeutung entsteht. Land = wörtlicher Bezug auf Landschaft, Zunge = Körperteil metaphorisch auf Landschaft bezogen.

  2. als Verb (Verbalmetapher)

    Land umlegen, Wald managen, Kalbfleisch produzieren. Ein metaphorisch verstandenes Verb wird auf ein wörtlich verstandenes Nomen bezogen.

  3. als Adjektiv (attributive Metapher)

    zerschnittene Landschaft, zernarbte Landschaft, unproduktive Äcker. Ein Adjektiv aus einem landschaftsfremden Sinnbereich dient zur metaphorischen Beschreibung von Landschaft. schneiden → Schere, Messer; zernarbt → Wundheilung; unproduktiv → Wirtschaft

  4. als Gleichsetzung (Prädikationsmetapher)

    Diese Wiese ist das Kapital der Gemeinde. Gleichsetzung durch das Verb sein. Weitere Formen dieses Typs: die Marke Schweiz, der Wirtschaftsstandort Basel, die Ressource Landschaft, die Agglomeration als Speckgürtel, eine Uferlandschaft als Kapital. Eine Variante der Kompositionsmetapher (Nr. 1): Ein Nomen wird nach dem Muster x = y mit einem Nomen gleichgesetzt, das aus einem anderen Sinnbereich stammt. Genauer eine Gleichsetzung, welche das Verb «sein» auslässt. D.h.: Die Schweiz (ist) eine Marke.

Wie Metaphern unser Denken formen

Metaphern können nicht nur Bekanntes in neuem Licht zeigen, sie setzen den Sprachbenutzerinnen und -benutzern in grundsätzlicher Weise Erkenntnis-Brillen auf. Dies sei am Beispiel der Verkehrsinsel illustriert: ein Ausdruck, den wir kaum mehr als lebendige Metapher empfinden. Durch die Übertragung der Insel aus ihrem Herkunftsbereich Natur in den Sinnbereich Verkehrsbauten wird die Wahrnehmung des Gegenstands im Zielbereich in bestimmter Weise perspektiviert. Wir nehmen das Bauwerk in der Strassenmitte gleichsam durch die Inselbrille wahr, als ob es eine Insel wäre. Tun wir dies bewusst, so brauchen wir das Wort Verkehrsinsel im Sinn eines Vergleichs: Das Bauwerk in der Mitte der Strasse ist wie eine Insel.[2]

Wer etwas metaphorisch ausdrückt, gibt zu verstehen, dass er, was er sagt, nur quasi so meint. Er drückt das Gesagte mit Vorbehalt als provisorisch und behelfsmässig aus. Die Metapher eröffnet einen Blick auf die Welt und macht im selben Zug den Akt des Benennens als Wahl, als tastende sprachliche Annäherung an das Gemeinte bewusst. Dies ist zumindest bei lebendigen Metaphern der Fall. Die Metapher bringt damit das erkenntnistheoretische Problem zum Ausdruck, das dem Verhältnis von Sprache und Erkenntnis zugrunde liegt, «nämlich dass jede Beschreibung und jede Erkenntnis eine perspektivische Konstruktion, ein «Sehen als» ist (Debatin 1996, S. 85). Diese Filterprinzip der Metapher (wir sehen das eine im Lichte des anderen) ist der Grund, warum Metaphernreflexion für das Bewusstmachen sprachlicher Perspektivierung besonders ergiebig sein kann (Black 1996, 70).

Die Metapher ist aber kein Vergleich. Sie sagt nicht, das Bauwerk sei wie ein Insel, sondern sie setzt das Bauwerk mit einer Insel gleich: Die Metapher behauptet, das Bauwerk sei eine Insel, und zwar eine Verkehrsinsel. Durch diese Gleichsetzung kommt in unserem Denken eine Wahrnehmungsfilterung in Gang. Wir sehen das Strassenbauwerk durch die Brille der Inselvorstellungen gefiltert. Dadurch werden die Merkmale des Bauwerks, die einer Naturinsel ähneln, hervorgehoben, jene, die sich von einer wirklichen Insel unterscheiden, ausgeblendet und verdeckt. Diese Filterwirkung der Metapher wird leicht übersehen, weil wir die Metapher ja gerade dank der Ähnlichkeiten (Analogien) zwischen Bildspender und Bildempfänger verstehen. Diese Filterwirkung aber führt in unserer Wahrnehmung zu einem blinden Fleck. Sie verdeckt die Unähnlichkeiten (Disanalogien), die zwischen dem Bildspender und –empfänger bestehen. Zu ihnen gehört in unserem Beispiel, dass die Verkehrsinsel unnatürlich, von Menschen geschaffen ist und von Verkehr und nicht von Wasser «umspült» wird. Auch kommt sie nur als Durchgangs-, nicht als Wohnort in Frage. Die Metapher organisiert auf diese Weise unsere Wahrnehmung und entfaltet eine subtile Wahrnehmungslenkung. Wir nennen dies ihre erkenntnis- und gedankenleitende Wirkung (Abbildung 2).

Abbildung 2: Metaphermodell (nach Wolf 1982, 11)

Wortfelder und Metaphernnetze

Unter den zahlreichen Metapherntheorien (Rolf 2005) sticht die kognitive Metapherntheorie der Amerikaner George Lakoff und Mark Johnson heraus. Sie bietet besonders ergiebige Einsichten darüber, wie Metaphern Gedanken leiten (Lakoff/Johnson 1980). Die Theorie lässt sich an der Wirkungsweise des folgenden Cartoons erklären (Abbildung 3). Er zeigt eine Verkehrsinsel mit einem Liegestuhl, einem Sonnenschirm und einer Palme, ein Miteinander von Merkmalen, das wir leicht als Anspielung auf die Klischee-Vorstellungen einer Ferieninsel verstehen.

Abbildung 3: Verkehrsinsel

Das Beispiel zeigt, dass Metaphern ein reiches Repertoire an Hintergrundwissen aktivieren und uns dazu anregen, unbewusst ganze Wissensbestände aus dem einen Sinnbereich in den anderen zu übertragen. Lakoff und Johnson behaupten nun, dass metaphorische Redeweisen durch sog. konzeptuelle Metaphern gesteuert werden. Konzeptuelle Metaphern sind auf einer höheren Abstraktionsebene als die sprachlichen Einzelmetaphern angesiedelt und oft nicht ausdrücklich in Worte gefasst. Sie sind uns deshalb auch meist nicht bewusst. Um sie zu erkennen, gehen wir von den erkennbaren metaphorischen Redeweisen aus, die in der Sprache über einen Sachverhalt verwendet werden. So sagen wir etwa: der Verkehr fliesst, der Verkehr stockt, schwillt an, rauscht, tost etc. Oder wir stauen den Verkehr, leiten ihn um oder führen ihn durch Tunnelröhren. Überblicken wir diese metaphorischen Redeweisen über Verkehr, so stellen wir fest, dass sie systematisch auf Redeweisen über Wasser zurückgehen. Lakoff uns Johnson erklären diesen Umstand so, dass im Hintergrund unseres Denkens die konzeptuelle Metapher VERKEHR IST EIN FLUSS wirksam ist. Sie umfasst all diese Einzelmetaphern und bildet ihren gemeinsamen Nenner. Die konzeptuelle Metapher macht auch das Bild der Verkehrsinsel plausibel: Das Bauwerk in der Strassenmitte wird deshalb als Insel gedeutet, weil es vom Verkehrsfluss «umspült» wird und den Fussgängern Sicherheit bietet. Die Verkehrsinsel ähnelt also in einigen Merkmalen einer wirklichen Insel.

Die konzeptuelle Metapher VERKEHR IST EIN FLUSS führt uns dazu, in unserem Verständnis des Verkehrs auf unser gesamtes Erfahrungswissen über Wasser zurückzugreifen. Wir stellen zum Beispiel fest, dass Wasser aus Tropfen besteht, dass Wasser gestaut und umgeleitet werden kann, durch Röhren fliesst und selbstverständlich, dass in Gewässern auch Inseln vorkommen.

Lakoff und Johnson behaupten, dass konzeptuelle Metaphern unser Verständnis eines Phänomens steuern. Wir verstehen einen Ausdruck wie Tropfenzähler am Gotthard deshalb auf Anhieb, weil im Hintergrund unseres Denkens die konzeptuelle Metapher VERKEHR IST EIN FLUSS wirkt. Einzelmetaphern wie Tropfenzähler, Strömen, Stauen, Umleiten etc. bilden einen netzartigen Zusammenhang, der auf eine übergeordnete konzeptuelle Metapher verweist. Diese bildet eine Art Dach, welches die einzelnen Metaphern unter sich aufnimmt und uns Neuschöpfungen aus demselben Bildbereich verständlich macht.

Tabelle 1 führt in der linken Kolonne Redeweisen über Wasser auf, die im metaphorischen Sinn auch als Aussagen über Verkehr möglich sind. Metaphorische Ausdrücke wie Verkehrsadern und Verkehr stockt weisen auf eine Unterkategorie des Flusses hin. Sie zeigen, dass Verkehr auch als Blutzirkulation charakterisiert wird.

Redeweisen über Wasser/Blutmetaphorische Redeweisen über Verkehrkonzeptuelle Metapher
Wasser fliesst, stockt, strömt, schwillt an, rauscht, tost, ...Verkehr fliesst, strömt, ...VERKEHR IST EIN FLUSS
Man kann Wasser stauen, leiten, umleiten, kanalisieren, drosseln, ...Man kann Verkehr stauen, umleiten, kanalisieren etc.
Wasser fliesst durch Leitungen und Röhren.Verkehr fliesst über Umleitungen und durch die Gotthardröhre.
Wasser bildet Tropfen.Im Schwerverkehr am Gotthard exisiert ein Tropfenzählersystem.
Man kann Dinge wie z.B. Fische aus dem Wasser ziehen.Man kann Fahrzeuge aus dem Verkehr ziehen.
Gewässer können Inseln enthalten.Im Verkehrsfluss existieren Verkehrsinseln
Wasser gibt es im Aggregatszustand von Eis und Schnee.Verkehr bildet Blechlawinen.
Wasser bildet Wellen.Ampeln schaffen grüne Wellen.
Redeweisen über Blut
Blut stockt.Der Verkehr stockt.
Blut fliesst durch Adern.Es gibt Verkehrsadern.
Kommt der Blutkreislauf zum Erliegen, droht ein Herzinfarkt.Kommt der Verkehr ganz zum Stillstand, so bedeutet dies ein Verkehrsinfarkt.
Tabelle 1: Die konzeptuelle Metapher VERKEHR IST EIN FLUSS und ihre Einzelmetaphern

Die Diskurslinguistik hat Lakoffs und Johnsons Theorie weiterentwickelt und mit den sog. Frames verbunden (Ziem 2008, 378ff). Frames sind Netzwerke von Erfahrungswissen, die wir mit Konzepten verbinden. Ein Beispiel: Wir hören einen Ausdruck wie WASSER und stellen fest, dass wir dazu schnell und ohne grossen Aufwand bestimmte Wissenseinheiten abrufen können, die in unserem Langzeitgedächtnis gespeichert sind. Ein solcher Wasser-Frame bildet z.B. das Wissen, dass Wasser fliesst, strömt, sich staut, Wellen bildet, Inseln umschliessen kann, aus Tropfen besteht etc. Man kann konzeptuelle Metaphern auch als Frames verstehen, die ganze Wissensbestände vom Herkunftsbereich in den Zielbereich übertragen und dort neue Denkmöglichkeiten schaffen. Ein Satz wie Der Verkehr sickert in die Quartierstrassen ist zum Beispiel deshalb verständlich, weil er Verkehr metaphorisch im Frame Fluss darstellt.

Konzeptuelle Metaphern und Frames lehren uns, dass metaphorische Redeweisen selten allein kommen. Sie erscheinen meist gebündelt und legen sich wie Netze über ganze Sinnbereiche. Zwei weitere Beispiele von Lakoff und Johnson können diesen Zusammenhang metaphorischer Redeweisen illustrieren. So sagen wir z. B. über eine Liebesbeziehung:

→ konzeptuelle Metapher: LIEBE IST EINE REISE (Lakoff/Johnson 1980, 115), oder anders ausgedrückt: Der Frame Reise wird übertragen.

Beim Reden über eine Theorie sagen wir z.B.:

→ konzeptuelle Metapher: THEORIE IST EIN GEBÄUDE (Lakoff/Johnson 1980, 46), oder anders ausgedrückt: Der Frame Gebäude wird übertragen.

Wie kann man die erkenntnisleitende Wirkung von Metaphern durchschauen?

Herkunft- und Zielbereich unterscheiden

Will man sich die erkenntnisleitende Wirkung einer Metapher bewusst machen, muss man sie zunächst aus ihrem Gebrauchszusammenhang heraus als Metapher erkennen. Dies ist nicht immer leicht, da ihre gedankenleitende Wirkung gerade dann am stärksten ist, wenn man sie als Metapher übersieht. Metaphern zeichnen sich alle durch die Eigenschaft aus, dass sie in einem bestimmten Zusammenhang als verpflanzt erscheinen. Ist zum Beispiel im Zusammenhang mit einer Landschaft von einem Flussarm die Rede, so wird deutlich, dass der Arm aus dem Sinnbereich Körper übertragen ist. Wir erkennen also eine Metapher, wenn wir ihren Herkunftsbereich (Bildspender) und ihren Zielbereich (Bildempfänger) auseinander halten. Dies ist vor allem bei toten Metaphern nicht immer leicht, da diese durch ihren häufigen Gebrauch nicht mehr als Übertragung empfunden werden. Im Folgenden laden wir Sie nach drei Beispielen dazu ein, den metaphorischen Brückenschlag zwischen verschiedenen Sinnbereichen an einigen Metaphern zu erkennen (Tabelle 2). [3]

Lösungen: 4. Bildspender: Wirtschaft, Bildempfänger: Natur/ Tierwelt, 5. Bildspender: Möbel, Bildempfänger: Natur, 6-9. Bildempfänger: Natur, Bildspender 6. Technik, Mathematik, 7. Handwerk, 8.Wirtschaftsführung, 9. Natur und (sich entwickeln) menschliches Planen (etwas entwickeln).

MetapherBildspender/HerkunftsbereichBildempfänger/Zielbereich
BlechlawineLawine → NaturTechnik
Die Wirtschaft wächstWachsen → NaturWirtschaft
UmweltsündeSünde → ReligionNatur
Rinderproduktion
Flussbett
Landschaftsfunktion
Landschaftszerschneidung
Landschaftsmanagement
Landschaftsentwicklung
Tabelle 2: Metaphern schlagen Brücken zwischen getrennten Sinnbereichen

Metaphern sind am auffälligsten, so lange sie lebendig sind, also als frisch verpflanzt erscheinen. Dies gilt etwa für den Folientunnel (im Gemüseanbau), das Tropfensystem am Gotthard (in der Verkehrsleitung). Tote Metaphern dagegen haben im neuen Sinnbereich schon Wurzeln geschlagen und werden kaum mehr als verpflanzte Wörter empfunden. Sie lassen sich jedoch als Metaphern rekonstruieren, wenn man fragt, woher sie ursprünglich stammen. Die Verkehrsinsel, z.B., stammt aus der Wasserwelt, die Agrarfläche aus der Geometrie. Selbst wenn solche Metaphern heute «tot» und unauffällig erscheinen, können sie hintergründig eine erkenntnisleitende Wirkung entfalten. Auch eine tote Metapher legt durch die Wahl ihres Bildspenders fest, aus welcher Perspektive wir eine bestimmte Sache sehen und welche Haltungen, Interessen und Werte wir folglich mit dieser Sache verbinden. Allgemein gilt: Je selbstverständlicher tote Metaphern in einer Sprachgemeinschaft gebraucht werden und je eindeutiger sie ohne Alternative stehen, desto stärker setzen sie ihre Beschreibung der Wirklichkeit als die «wahre» durch (Drewer 2003, 114).

Sie können diese Behauptung leicht überprüfen, indem Sie den eben gelesenen Abschnitt 2.1 noch einmal durchlesen und dabei nach übersehenen Metaphern Ausschau halten. Von welchen Einzelmetaphern und welcher konzeptuellen Metapher wird das Verständnis der Metapher gesteuert? Die kleine Übung kann illustrieren, wie leicht sich Metaphern unsichtbar machen, wenn sich Leserin oder Leser auf den Inhalt eines Textes konzentrieren.[4]

Metaphern werden hier als Lebewesen dargestellt, die lebendig oder tot sein können. Ihre Funktionsweise wird als Brückenschlag beschrieben. Daneben aber auch durch die konzeptuelle Metapher WÖRTER SIND PFLANZEN erklärt: Wörter sind verpflanzt, schlagen Wurzeln, stammen (irgendwo) her, etc. Ihre Auffälligkeit wird weiter durch die Metaphern von Leben und Tod veranschaulicht. Versteckter und durch tote Metaphern perspektiviert ist die konzeptuelle Metapher ERKENNEN IST SEHEN. Beispiele: Metaphern werden übersehen oder sie machen sich unsichtbar. Man kann sie durchschauen. Metaphern beeinflussen unsere Blickrichtung. Auch das Bild (Bildspender, Bildempfänger) fügt sich in das Wortfeld des Sehens ein.

Als-Ob-Modus bewusst machen

Da manche Metaphern nicht mehr als Entlehnungen aus einem fremden Sinnbereich empfunden werden, rekonstruieren wir zuerst die metaphorische Übertragung, die der Metapher zugrunde liegt. Wir versetzen sie gedanklich in den Als-Ob-Modus zurück und machen sie uns als metaphorische Übertragungen bewusst (Drewer 2003, 188ff).

Beispiele:

Um die erkenntnisleitende Wirkung der Metapher genauer zu durchschauen, tun sich verschiedene Möglichkeiten auf:

Metaphern wörtlich nehmen und ihren Geltungsbereich erkennen

Der Cartoon zur Verkehrsinsel macht uns bewusst, dass die Verkehrsinsel eine Metapher ist, weil er die Inselmetapher wörtlich nimmt. Er überträgt drei Merkmale einer (Ferien)Insel auf die Verkehrsinsel, in denen sich Insel und Verkehrsinsel nicht ähnlich sind: Sonnenschirm, Palme und Liegestuhl. Er spielt also mit dem Unterschied (den Disanalogien) zwischen Verkehrsinsel und Ferieninsel. Zugleich erinnert er uns an die Inselvorstellung, die beide Gegenstände verbindet (die Analogien): Beide Inseln sind abgeschlossen nach aussen und von «Flüssigkeit» umgeben.

Das Prinzip lässt sich verallgemeinern: Wir tragen beliebige Merkmale aus dem Herkunftsbereich (dem Frame Insel) in den Zielbereich (den Frame Verkehr) und prüfen, wie diese Übertragungen unser Verständnis des Strassenbauwerks (der Verkehrsinsel) beeinflussen. Beispiel: Inseln sind 1) meist von Menschen bewohnt und 2) von Pflanzen bewachsen. Beim Übertragen dieser Merkmale in den Zielbereich stellen wir fest, 1) dass das Merkmal Wohnort nicht übertragbar ist, weil Verkehrsinseln keine Wohnorte bieten. 2) Beim Übertragen des Merkmals Pflanzen stellen wir fest, dass es möglich wäre, Verkehrsinseln zu bepflanzen. Indem wir die Metapher in dieser Weise wörtlich nehmen, wird uns ihr Geltungsbereich bewusst. Wir sehen, dass eine Verkehrsinsel in Mitteleuropa keine Palmen und Liegestühle, aber etwa Pflanzen tragen kann.

Die blinden Flecken der Metapher erkennen

Damit ist auch der Weg aufgezeigt, wie wir die blinden Flecken einer Metapher erkennen können. Wir gehen jetzt vom Bildempfänger aus. Wir sammeln unser gesamtes Wissen über den Zielbereich der Metapher und vergegenwärtigen uns, was wir über das Bauwerk Verkehrsinsel wissen. Nun prüfen wir, welche Merkmale des Bauwerks keine Ähnlichkeiten mit einer Insel tragen, also nicht vom Vergleich mit einer Insel eingeflüstert sein können (Disanalogien). Wir versuchen also beim Blick auf das Strassenbauwerk die Inselbrille abzulegen und zu sehen, was das Bauwerk ausserhalb seiner Beleuchtung als «Insel» ist. Dabei versuchen wir, beim Blick auf das Bauwerk gleichsam um das Inselbild herumzudenken. Zu den Unterschieden zwischen einer Insel und einer Verkehrsinsel gehören zum Beispiel, dass Inseln natürlich sind und Verkehrsinseln menschengemachte Bauwerke. Weiter sind Verkehrsinseln viel kleiner als wirkliche Inseln und nicht von Wasser, sondern von Fahrbahnen umgeben. Die gefährliche Gleichsetzung von Wasser und Verkehrsfluss macht uns weiter bewusst, dass ein Schritt neben die Verkehrsinsel nicht etwa nasse Füsse, sondern den Tod im Verkehr bedeuten kann.

Die Metapher als Argument entlarven

Man kann Metaphern als verdichtete Argumente verstehen (vgl. Pielenz 1993). Ihre gedankenleitende Wirkung lässt sich erschliessen, indem wir sie als Bündel von versteckten Schlussregeln entlarven. Schlussregeln sind bedingte Folgerungsbeziehungen, die nach dem Muster «Wenn A = B, dann folgt daraus C » oder «Da A = B, daher gilt C» aufgebaut sind (vgl. Pielenz 1993, 105). Jede Argumentation beruht auf einer solchen Schlussregel. Die Schlussregel verbindet das Argument mit der Folgerung. Erkennen wir das in der Metapher versteckte Argument, so können wir aufdecken, wie sie als Argument funktioniert. Wir gehen dabei vom Bildspender aus und vergegenwärtigen uns dessen Implikationen, die wir bei Verstehen der Metapher auf den Bildempfänger übertragen. Wir erkennen einen blinden Fleck der Metapher, indem wir die Unterschiede (Unähnlichkeiten) zwischen dem Bildspender- und -empfänger festhalten.

Wenn A (Bildempfänger) = B (Bildspender), dann...

In Bezug auf unser Beispiel heisst dies konkret:

Wenn Verkehr ein Fluss ist, dann...

Metaphern im Kontrast

Am leichtesten lässt sich die gedankliche Verführungskraft einer Metapher durchschauen, wenn wir sie direkt mit einem anderen Ausdruck vergleichen, der sich auf denselben Sachverhalt bezieht. Ein solcher Vergleich führt uns die «gegenstandsverändernde Wirkung der Sprache» (Pörksen 1994, 137) am klarsten vor Augen. So wird im Verkehrsbauwesen für den Gegenstand Verkehrsinsel der Ausdruck Fahrbahnteiler verwendet. Im Vergleich der beiden Ausdrücke erkennen wir, dass der Fahrbahnteiler das Strassenbauwerk aus der Sicht des Automobilisten und der Verkehrsführung perspektiviert. Er versetzt uns in die Optik der Behörde, die den Fliessstrom plant, lenkt und leitet. Die Verkehrsinsel dagegen zeigt eher die Sicht der FussgängerInnen, die Schutz vor dem Verkehrsfluss auf der Insel suchen. Die Perspektivierung des Bauwerks als Fahrbahnteiler schliesst die Sicht der Fussgänger dagegen weitgehend aus. Der Vergleich der beiden Ausdrücke macht uns die Haltungen und Interessen, die in den beiden Perspektivierungen zum Ausdruck gelangen, bewusst.

Das kreative Potenzial der Metapher nutzen

Die spielerische Übertragung von Merkmalen der natürlichen Insel auf das Strassenbauwerk tut eine interessante Möglichkeit auf. Die Metapher kann uns auch als Ideenspenderin für den Umgang mit Verkehrsinseln dienen. Dies zeigt sich, wenn wir in der Art des Cartoons Merkmale der natürlichen Insel auf die Verkehrsinsel übertragen, die zunächst keine Ähnlichkeiten berühren, dafür aber neue Sichtweisen auf den Bildempfänger eröffnen. So könnte man sich fragen, ob man eine Verkehrsinsel wie eine wirkliche Insel etwa bepflanzen möchte. Oder man könnte sich fragen, ob das Bepflanzen von Verkehrsinseln den Strassenbauleuten von der Insel-Metapher eingeflüstert worden ist. Wäre die Verkehrsinsel unter dem Ausdruck Fahrbahnteiler bekannt, kämen sie möglicherweise nicht auf diese Idee. Das kreative Potenzial lässt sich demnach systematisch nutzen, indem man bei den Frames ansetzt, die als Bildspender dienen. Von dort ausgehend trägt man nun versuchsweise Redeweisen in den Bereich des Bildempfängers hinüber. Das Tropfenzählersystem am Gotthard und die zweite geplante Gotthardröhre sind Beispiele für solche kreative Metaphernschöpfungen, die aus der konzeptuellen Metapher VERKEHR IST EINE FLÜSSIGKEIT gesponnen sind. - Das systematische Aus- und Weiterspinnen einer Metapher dieser Art kann uns einerseits die Grenzen einer Metapher aufzeigen, zugleich aber auch neue Sichtweisen eröffnen (Debatin 196, 96).

In der folgenden Übersicht zeigen rote Textteile Grenzen der Metapher auf. Sie verweisen auch auf ihre blinden Flecken. Blaue Textteile deuten auf die Ähnlichkeiten zwischen Bildspender und Bildempfänger, jene Bedeutungen, welche die Metapher verständlich machen. Grüne weisen auf Erweiterungen, die Denk- und Handlungsmöglichkeiten beschreiben, welche die Metapher nahelegen.

Merkmale des Bildspenders Insel
Wirkung im Bildempfängerbereich Verkehr
Inseln sind natürlich.Verkehrsinseln sind künstlich, erscheinen aber durch die Bezeichnung «Insel» als natürlich.
Inseln sind von Pflanzen bewachsen.Verkehrsinseln sind meist nicht von Pflanzen bewachsen, könnten aber bepflanzt werden.
Inseln sind von Wasser umgeben.Verkehr erscheint als Flüssigkeit. Verkehrsfluss kann tödlich wirken.
Inseln bieten festen Boden unter die Füsse, sind Zufluchtsorte.Verkehrsinseln können Sicherheit und Zuflucht bieten.
Inseln können von Menschen bewohnt werden.Verkehrsinseln kann man nicht bewohnen.
Abbildung 5: Übertragung von Einzelmerkmalen zeigt Grenzen und Potenzial von Metaphern auf

Literaturverzeichnis

Black, Max (1996). Die Metapher. In: Anselm Haverkamp (Hrsg.) Theorie der Metapher. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 55-79.

Debatin, Bernhard (1996). Die Modellfunktion der Metapher und das Problem der ‚Metaphernkontrolle’. In: Schneider, Hans Julius (Hrsg.) Metapher, Kognition, Künstliche Intelligenz. München: Fink. 83-104.

Drewer, Petra (2003). Die kognitive Metapher als Werkzeug des Denkens: zur Rolle der Analogie bei der Gewinnung und Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Tübingen: Narr.

Lakoff, Georg / Mark Johnson (1980). Metaphors We Live By. Chicago and London: University of Chicago Press.

Pielenz, Michael (1993). Argumentation und Metapher. Tübingen: Narr.

Pörksen, Uwe (1988). Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur. Stuttgart: Klett-Cotta.

Rolf, Eckhard (2005). Metapherntheorien. Typologie, Darstellung, Bibliographie. Berlin, New York: de Gruyter.

Strub, Christian (1991). Kalkulierte Absurditäten. Versuch einer historisch reflektierten sprachanalytischen Metaphorologie. Freiburg im Breisgau: Alber.

Weinrich, Harald (1967). Semantik der Metapher. Folia Linguistica 1, 3-17.

Wolf, Gerhart (1982). Metaphorischer Sprachgebrauch. Arbeitstexte für den Unterricht. Stuttgart: Reclam.

Ziem, Alexander (2008). Frames und sprachliches Wissen. Kognitive Aspekte der semantischen Kompetenz. Berlin, New York: de Gruyter.