Klimaerwärmung, die sprachliche Beruhigungspille

Wie die Wörter Klimaerwärmung, Klimawandel und Klimaschutz auf unser Denken und Handeln einwirken

Die Ausdrücke Klimaerwärmung, Klimawandel und Klimaschutz haben in den letzten 20 Jahren einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Generell beobachten wir in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion eine Akzentverschiebung vom Thema Umwelt zum Thema Klimawandel.

Klimawandel Grafik 1: Frequenz der Begriffe Umwelt und Klimawandel (Korpus DWDS)
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache https://www.dwds.de/wb/Klimawandel und https://www.dwds.de/wb/Umwelt (Beruht auf dem Kernkorpus des DWDS, d.h. auf 100 Millionen Textwörtern)

Wie wirken die Begriffe Klimaerwärmung, Klimawandel und Klimaschutz auf unser Denken und Handeln? Im Folgenden gehen wir dieser Frage mit diskurslinguistischen Methoden nach. Wir konzentrieren uns dabei auf das Alltagsverständnis (‚common sense’) dieser Begriffe (vgl. Reisigl/Wodak 2016, 37), welches die politische Diskussion heute weitgehend prägt.

Manche Umweltprobleme lassen sich mit den Sinnen leicht erfassen. Dazu gehören z.B. die Gewässer- und Luftverschmutzung. Verschmutzte Gewässer stinken zum Himmel und Abgase belasten die Atemorgane. Auch die Wörter für diese Sachverhalte, Gewässer- und Luftverschmutzung, wecken starke Emotionen. Linguistisch gesprochen, rufen sie einen reichhaltigen Deutungsrahmen (Frame) auf. Schmutz und Verschmutzung wecken sinnliche Vorstellungen aus dem Alltag, erinnern etwa an schmutzige Schuhe oder einen verschmutzten Teppich. Mit diesen Ausdrücken werden leicht auch tiefsitzende Gefühle von Hygiene und Ekel berührt (vgl. Haidt 2008, S. 1042ff). Im Vergleich zu diesen gefühlsbeladenen Wörtern bleibt der Klimawandel eigenartig farblos und blass. Warum ist dies so?

Das Klima kann man nicht mit Händen fassen. Klimawandel ist ein abstraktes Konzept, eine mathematisch errechnete Grösse, die kaum sinnliche Vorstellungen wachruft. Der Begriff Klima muss offen lassen, was wann und wo im Einzelnen geschieht (vgl. Wehling 2016, S. 181). Klima bezeichnet Durchschnittswerte und lässt sich nur pauschal in Klimazonen und über weite Zeiträume fassen. Wenn Gletscher und Polkappen schmelzen und die Meerespegel ansteigen, so geschieht dies zu langsam, um den Klimawandel (ausser für die lokalen Bewohner) direkt sinnlich wahrnehmbar zu machen. Klar erkennbar wird er für uns einzig, wenn wir etwa die Bilder eines Gletschers einst und heute vergleichen.

Die sinnliche Entrücktheit des Klimawandels hindert uns daran, den schleichenden Anstieg der globalen Temperaturen auch als Bedrohung wahrzunehmen. Dies mag ein Grund sein, warum das Wort Klimawandel bei vielen Menschen keine negativen Gefühle auslöst. Laut einer Stern-Umfrage aus dem Jahr 2011 fürchteten sich nur 31 Prozent der deutschen Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels für Natur und Umwelt (vgl. Stern, 7. Dez. 2011). Wörter wie Klimaschutz, Klimaverpflichtungen, Klimaversprechen und Klimaerfolge (alle NZZ, 17. Nov. 2016, S. 11) bleiben allesamt abstrakt, blass und aktenmässig. Der sinnlichen Wahrnehmung entzogen, erreichen sie auch unser moralisches Empfinden nur schwer. Gewässerverschmutzung kann uns aufschrecken und entrüsten, der Klimawandel dagegen lässt uns (relativ) kalt. Selbst ein Wort wie die klimaverträgliche Heizung spricht kaum Gefühle an. Klima bleibt ein ‚Kopfwort’, das unsere Sinne unberührt lässt.

Dass sich das Klima wandelt, verstärkt die beschönigende Wirkung des Wortes Klimawandel. Wandel ist ein neutraler Begriff, er bezeichnet bloss, dass sich ein Zustand verändert, sei es zum Positiven oder zum Negativen hin. Der Ausdruck Klimawandel mag für jene passend sein, die glauben, der beschriebene Prozess sei ein wertfreier Vorgang. Jenen aber, die in ihm eine existenzielle Gefährdung der Menschheit sehen, muss er als fatale Verzerrung der Wirklichkeit erscheinen (vgl. Wehling 2016, 181).

Etwas Weiteres kommt hinzu. Das Nomen Wandel stammt vom Verb sich wandeln ab. Dieses ist reflexiv. Ein Klima, das sich wandelt, legt nahe, dass der Wandel einer Eigendynamik folgt, dass er ohne äussere Ursache von sich aus geschieht. Wer von Klimawandel spricht, verstellt deshalb (zumindest grammatisch) die Frage, welche äusseren Ursachen hinter dem Phänomen des Klimawandels stehen. Der Hauptgrund des Klimawandels, der durch Menschen verursachte Ausstoss von CO2 aus fossilen Energieträgern, wird systematisch ausgeblendet.

Klimaerwärmung ist ein Wohlfühl- und Kuschelbegriff. Wärme weckt im Alltag durchwegs positive Gefühle. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache führt den Ausdruck als Gegenwort zu Kälte auf. Wärme ruft Erfahrungen von Wohlbefinden und Behaglichkeit wach. Der Wärme fehlt jeglicher Ausschlag ins Extreme. Auch metaphorisch begegnet uns Wärme als positiv und abgetönt. Denken wir etwa an die Wärme, die ‚in Worten oder Gefühlen liegen kann’, oder an die ‚menschliche Wärme’, die wir mit manchen Menschen erfahren. Wärme kann aber auch für eine behagliche Atmosphäre stehen. Wärme wirkt wohltuend und beruhigend. Im Kontext des Klimadiskurses muss das Wort Klimaerwärmung daher wie eine sprachliche Beruhigungs- oder «Glückspille» wirken (vgl. Wehling 2016, S. 184). Der Begriff taucht die Gefahren, die vom globalen Temperaturanstieg ausgehen, in ein freundliches Licht. Ein Handlungsdruck geht von diesem Wort bestimmt nicht aus!

Klimaerwärmung Beruhigungspille
Der Ausdruck Klimaerwärmung als Beruhigungspille im Gebrauch

Wie anders sähe dies aus, wenn nicht von Klimawandel, sondern von Erderhitzung oder von Erhitzung der Erde (NZZ, 17. Nov. 2016, S. 11) die Rede wäre. Das Wort Erde ruft einen Denkrahmen auf, der uns sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken lässt. Wir sehen zum Beispiel die Erde als den blauen Planeten, der im weiten leblosen Weltraum schwebt, eine verletzliche Insel des Lebens, die unseres Schutzes bedarf (Sachs 1994). Erhitzung ist ein Alarmwort, es lässt an Gefahr, etwa an Verbrennungen denken.

Erderhitzung ruft weiter das Verb erhitzen auf. Welches sind die Denkfolgen, die sich daraus ergeben? Gemüter können sich selbst erhitzen. Das Verb wirkt also reflexiv. Erhitzen ist aber auch transitiv, es eröffnet auch die Denkweise A erhitzt B, bringt also die Ursache der Erhitzung in den Blick. Ein Getränk kann den Körper erhitzen. Die Sonne erhitzt die Wüste. Und der Mensch erhitzt die Erde. Das Wort Erderhitzung geht unter die Haut, es weckt sinnliche Assoziationen und regt damit auch moralische Gefühle an, die zu wichtigen Fragen anleiten: Wer ist für die Erhitzung verantwortlich? Wie können wir die Ursachen der Erderhitzung bekämpfen und der Erde Kühlung bringen? Wir sehen: Während die Vokabel Klimawandel auf neutrale Distanz geht, regt Erderhitzung zur Analyse von Ursachen an. Das Wort hat das Potenzial, Weck- und Alarmruf zu werden, der zu Taten aufruft. (Beinahe müsste man befürchten, mit ihm in einen Alarmismus zu verfallen.)

Vielerorts wird heute der Anstieg der Temperaturen als eine Begründung für den Klimaschutz dargestellt. So titelt ein Gastkommentar von Manuel Graf in der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Nov. 2016 «Schweizer Einkaufstourismus im Klimaschutz» (NZZ, 17. Nov. 2016, S. 11).

Das Konzept des Klimaschutzes kommt auch in verbreiteten Bezeichnungen wie Klimaschutzpolitik, Klimaschutzziele und der Sorge ums Klima vor. Die Linguistin Elisabeth Wehling stellt zur Bedeutung dieser Begriffe folgende Überlegungen an: Sie alle rufen in unseren Köpfen einen Deutungsrahmen (Frame) auf, der mit bestimmten Rollen besetzt ist: Es gibt 1. eine Bedrohung, 2. jemanden, der Schaden nehmen kann, und 3. jemanden, der schützend eingreift. Den Kern des Deutungsrahmens bildet «eine einfache moralische Erzählung» (Wehling 2016, S. 183): Ein Bösewicht bzw. eine Gefahr bedroht ein potenzielles Opfer, ein Held greift rettend ein und bietet Schutz. Diese «Erzählung» strukturiert eine ganze Reihe unserer politischen Begriffe, ohne dass aber klar wird, von wem jeweils die Gefahr ausgeht (vgl. Wehling 2016, S. 183). Der Ausdruck Klimaschutz besetzt die genannten Rollen wie folgt: Es gibt eine Gefahr bzw. eine Bedrohung. Mögliches oder tatsächliches Opfer dieser Bedrohung ist das Klima. Der Mensch als Held muss das Klima retten, indem er schützend eingreift.

Dies sind die gedanklichen Schlussfolgerungen, die das Wort Klimaschutz in unseren Köpfen auslöst. Auffällig ist nun, dass innerhalb dieser Rollenverteilung die Rolle des Bösewichts unbesetzt bleibt. Wenn wir über Klimaschutz sprechen, setzen wir den Menschen vor allem in die Rolle des Helden, der schützend eingreift. Dass er aber zugleich die Rolle des Bösewichts bzw. der Gefahr spielt, bleibt im Frame vom Klimaschutz ausgeblendet. Der Mensch – so bringt Wehling ihre Überlegungen auf den Punkt - «tritt, wenn überhaupt, als Retter auf» (Wehling 2016, 184).

Was lässt sich aus diesem Befund folgern? Das Rollenangebot des Wortes Klimaschutz liesse es zu, im Klimageschehen auch die Rolle des Menschen als Gefahr und Bedrohung auszuführen. Wörter wie Klimaschädiger(in), Klimagefährder(in), Klimazerstörer(in), Klimagefahr Mensch etc. könnten diese Rolle ausfüllen. (Wobei zu bedenken ist, dass hier nicht das Klima geschützt werden soll, sondern die Lebewesen, die davon betroffen sind.) Auf diese Weise würde die Doppelrolle des Menschen als Gefährder u n d Retter des Klimas leichter bewusst. Vielleicht müsste man diese Wörter nun nur noch vermehrt und bewusster in Gebrauch nehmen!

Literaturverzeichnis

Graf, Manuel (2016). Schweizer Einkaufstourismus im Klimaschutz. Neue Zürcher Zeitung, 17.11.2016, S. 11.

Haidt, Jonathan (2008). The emotional dog and its rational tail: A social intuitionist approach to moral judgment. In: Johnathan E. Adler and Lance J. Rips (eds.), Reasoning. Studies of human inference and its foundation. Cambridge: Cambridge University Press. 1024-1052.

Reisigl, Martin and Ruth Wodak (2016). The discourse historical approach (DHA). In: Wodak, Ruth and Michael Meyer. Methods of critical discourse studies. 3rd edition. Los Angeles: Sage.das 23-61.

Sachs, Wolfgang (1994). Der blaue Planet. Zur Zweideutigkeit einer modernen Ikone. In: Landeshauptstadt Stuttgart, Kulturamt (Hrsg.), Zum Naturbegriff der Gegenwart, Band 1, S. 75-92. Stuttgart: Frommann.

Stern: Stern-Umfrage. Umwelt-GAU? Mir doch egal! 7.12.2011. http://www.stern.de/panorama/wissen/natur/stern-umfrage-umwelt-gau----mir-doch-egal--3443788.html (12.12.2016)

Wehling, Elisabeth (2016). Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Halem.